Rede zum Diplom 2013

Transitorische Räume
Liebe Diplomandinnen und Diplomanden, liebe Eltern,
Ihr bekommt heute Eure Diplome. Urkunden, die ausweisen, was geleistet wurde oder geleistet worden sein sollte.
Ich gratuliere Euch allen, gleich ob ihr nun Bachelor – oder Masterdiplome erhaltet, zum Erreichten.
Ich spreche Euch, Bachelor – wie die Masterdiplomandinnen und – diplomanden gemeinsam an. Obgleich die einen ja eventuell oder höchstwahrscheinlich weiterstudieren werden und die anderen die Hochschule verlassen werden, um frei und nach eigenen Massstäben in der Welt Kunst zu machen.

Das Studium ist ein transitorischer Raum. So jedenfalls habe ich es immer verstanden, so ist es mir selbst vorgekommen als ich studiert habe, so würde ich es gern verstanden wissen für alle, die diesen Raum kurzzeitig betreten und die, die diesen Raum mitverantworten. Ob ihr nun aber diesen Raum als Aufenthaltsraum oder als transitorische Erfahrung erlebt habt, macht sicher einen grossen Unterschied.
Transitorische Räume, die Übergänge von einem Zustand in einen anderen ermöglichen sind Aufzüge, Flugzeugkabinen oder Eisenbahnwaggons und deren Abteile oder die Erde selbst, die ja, so wird jedenfalls gesagt, mit rasender Geschwindigkeit durch das All rauscht, ohne dass wir dessen wirklich gewahr werden. Die Eigenschaft solcher Räume ist Bewegung. Man glaubt sich in einer stabilen Umgebung zu befinden, obwohl man weiss, dass dieser Raum einen von einem Ort zu einem anderen trägt. Im besten Fall von unten nach oben.
Das Studium wäre ein Zwischenraum also, der durchmessen sein will, den ihr durchmessen habt. Um wohin? in einen anderen? einen?/den? Hauptraum zu gelangen? Die Diplome gelten als so etwas wie Wegweiser, Türöffner vielleicht, Eintrittskarte in diesen Hauptraum. Aber was zeichnet diesen Raum aus, wenn nicht, dass auch er keineswegs festgefügt, statisch oder stabil ist. Es ist also wieder ein Raum, der sich bewegt, sich ständig verändert; auch seine Nutzungsbedingungen. Das heisst also die Eintrittskarte ist vielleicht nur für eine bestimmte Zeit passend und gültig, sie hat eine Frist wie alles und sie ist kein Freibrief.
Wie ihr diesen Raum betretet, wie ihr die je für Euch allein bestimmte Chance ergreift und wie ihr Euch mit den Sachverhalten, die ihr vorfinden werdet, auseinandersetzt, ist jetzt Eure Sache. Es geht jetzt irgendwie um zeit, Epochen, vielleicht Lebensabschnitte.
Aber das ist dann doch alles Unsinn. Die Lebenszeit einzuteilen in Abschnitte wird nicht gehen. Und mittels Lebensentwürfen schon garnicht. Und mittels Lebensentwürfe für ein Leben in der Kunst schon ganz und garnicht.
Nochmals, anders:
Neugierig und Alert-sein, in positiver Weise flexibel und anpassungsfähig, um anwenden zu können, was ihr an Schlauheit, taktischem Vermögen und Phantasie mitbekommen oder mitgebracht habt: Eure Hauptgefährten.
Ihr seid jetzt an einem Punkt Eures Lebens angekommen, von dem aus sich erweisen wird, ob Eure Entwürfe – die gibt es ja durchaus und die haben eine Berechtigung -, die ihr in den zurückliegenden Jahren mit den diversen Begleiterinnen und Begleitern, Euren Lehrerinen und Lehren überprüft habt, haltbar sind. Ob die Welt, die ihr Euch ausmalt, Euch erwartet, oder ob ihr eine Welt, die Euch erwartet, überhaupt erst erschaffen müsst.

Nun ja, damit wäre ein nächstes Thema angesprochen, das nämlich unserer Zeit, die so anders ist als die noch vor wenigen Jahren. Die genannten Gefährten NEUGIER, AUFMERKSAMKEIT, FLEXIBILITÄT sind schwierige Partner. Man spricht seit einiger Zeit vom „Neuen Geist des Kapitalismus“. Dieser nährt sich inzwischen vampirisch von der Kreativität, die u.a. wir hier fördern wollen.
„Wenn es einen Wunsch gibt, der innerhalb der Gegenwartskultur die Grenzen des Verstehbaren sprengt, dann wäre es der, nicht kreativ sein zu wollen.“ So beginnt eine viebeachtete Untersuchung zu dem sogenannten „Kreativitätsdispositiv“ unserer Zeit. Das von Individuen, also Euch und das von Institutionen, also uns.
Der Kern der Gedanken gruppiert sich um die Frage, inwieweit das Ästhetische/ die Kreativität, – beidem habt ihr Euch in der oder jener Weise verschrieben – seinen Status und seine Bedeutung so verwandelt hat, dass etwas völlig dem Ursprung widersprechendes daraus werden konnte.
Kreativität war bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts so etwas wie die Emanzipationshoffnung, das Widerstandspotential, der Gegenentwurf zu einem bürgerlichen Vernunft – und Nützlichkeitsdiktat ( Gelderwerb, Familie und Bildung ), heute besteht berechtigter Anlass, die Ideen und Praktiken ehemaliger Gegen – und Subkulturen als neue Herrschaftsgebiete zu bezeichnen. Alle Bereiche unserer westeuropäisch geprägten Welt sind inzwischen einem geradezu als Kreativitätszwang zu bezeichnendem neuen Geist unterworfen : Erziehung, Konsum, Sport, Beruf, Warenästhetik, Sexualität usw usf unterliegen einer Dynamik, die die Produktion und Wahrnehmung von Neuem fördert und fordert, und zum alles beherrschenden Zwang macht. Von Neuem als ästhetischem Ereignis.
Was uns heute begegnet ist in irgendeiner Form Event, Ereignis, es ist designt, gestaltet, ästhetisiert: das betrifft auch unser Denken (Design Thinking) und die modernen ManagementStrategien (Entrepreneurship, Innovationsmanagement, Management Design,etc,), die Politik und die Warenwelt.
Naturgemäss kommen der Kunst, dem Künstlertum und den Künstlern bei dieser neuen Normierung durch die Selbstreproduktion des ewig dauernd Neuen zentrale Bedeutung zu.
Die verhängnisvolle, emanzipatorisch gemeinte Äusserung von Joseph Beuys, dass jeder Mensch ein Künstler sei, hat sich in eine fatale Anspruchshaltung des modernen „ästhetischen“ Kapitalismus gewandelt. Wenn jeder Mensch Künstler geworden ist, dann ist auch alles, was produziert wird in irgendeiner Weise Kunst, das heisst aber, das Widerstands – und Subversionspotential von Kunst verliert an Kraft und Bedeutung , wird rationalisiert und zur Produktivkraft par excellence.
Diese Sachverhalte machen die Positionierung heutiger Kunstpraxis schwierig. Das geht Euch an. Ihr müsst Lösungsmöglichkeiten aus dem Dilemma finden.
Daneben sind die schon länger bekannten Probleme, die durch Institutionen – (Schauspiel, Theater) und Geldabhängigkeit (Film) gegeben sind, fast harmlos. Den damit vorgegebenen Macht – und Einflussstrukturen werdet ihr Euch stellen müssen.
Es gibt kaum eine Chance, nicht ein Teil dieses gigantischen faszinierenden neuen Systems zu werden. Erfolglosigkeit wäre eine letzte Ressource, oder eben oben zitierte Verweigerung, kreativ sein zu wollen. Dass dies Dilemma dazu führt, dass auch die Frage des politischen Engagements zu einer grundsätzlichen Frage danach wird: wogegen und wofür? und vor allem wie?, zeigen die Formen politischen Widerstands, die heute sichtbar sind. (ihr ästhetischer Rückbezug auf die Ikonen Zeichen und Symbole aus der Zeit als Widerstand grundlegenden Charakter hatte (Revolution )ist das eine , dass die gleichen Ikonen (Che Guevarra) aber in Istanbul auftauchen, bei Stuttgart 21 und in Brasilien, gibt zu denken, was damit eigentlich gemeint sein mag).
Wenn das Neue zum Spielplatz des Kapitalismus geworden ist, die Erneuerung, die Re-Volution also ebenfalls subsumiert werden, wendet sich der Aufstand vielleicht tatsächlich statt dem Neuen, Ganz Anderem, eher dem Erhalt des Vergangenen zu. Wessen Spiel spielen wir also? (Zu fragen wäre auch : Wieso entsteht eine Volksbewegung, weil ein Park betoniert werden soll? Oder, weil ein Bahnhof vergrössert und erweitert wird.)
Neue Strategien künstlerischer Unterminierung werden also nötig sein, um das komplexe heutige Feld künstlerischer Praxisansprüche mitzugestalten. Wenn ihr denn weiterhin an die subversive Kraft der Kunst glaubt und politische Ansprüche mit dem was ihr zu tun gewillt seid verbindet, müsst ihr Euch etwas einfallen lassen, was die Wege anbelangt, über die ihr Euch äussern wollt, aber auch, was die Ansprüche an ein Leben anbelangt, das ihr zu leben gewillt seid.
Vor weniger als 40 Jahren hiess Künstler – Sein noch: Sich-Verweigern, einen Weg wählen, der den Vorstellungen der Eltern garantiert widersprach – ich kenne jedenfalls keine Kollegen meiner Generation, deren Berufswahl dem Wunsch der Eltern, noch gar deren Vorstellungen von Sicherheit und Kontrolle entsprochen hätte. Es hiess, sich losmachen von den Ansprüchen an ein gutes Leben, wie es sich das bürgerliche Selbstverständnis ausmalte, künstlerischer Erfolg, Ruhm und Selbstverwirklichung waren eingestandenermassen nicht mit Sicherheit, geregeltem Arbeitseinkommen und Familienleben kompatibel. Heute ist die gesamte Arbeitswelt gekennzeichnet durch prekäre Arbeitsbedingungen : Praktika, Zeitverträge, Freiberuflertum, Start-up-Kulturen sind Zeichen für den rapiden Verfall der bürgerlichen Perspektiven (Renten, Eigenheime, Versicherungen, Angestelltenverträge, Gewerkschaften, geschützte Familien).
Dass das Diplom also nicht per se eine Eintrittskarte in einen schöneren besseren Lebensraum ist, ist klar. Kunst praktizieren bedeutet immer und nur Wagen, Experimentieren, Ausprobieren, Weiterlernen, sprich Erfahrungen machen und vor allem Scheitern. Dass dies nichts Negatives ist, habt ihr sicher und hoffentlich auch während Eures Studiums erfahren. Dass es zu einem Leben essentiell dazugehört, dass sich der Kunst übergibt, ist Fakt.
Was wird Euer künstlerisches Tun sein? Ich wünsche Euch, dass das Theater sich mit Euch und durch Euch verändert, weiterentwickelt, stetig neu und anders wird, wie wir es uns bislang nicht haben vorstellen können. Ich wünsche Euch, dass ihr durch die Darstellung der Welt die Welt auf den Kopf stellt und diese nicht einfach abbildet, ich hoffe, dass ihr der Welt die Aufgaben stellt, die nicht gelöst sind, dass ihr die Finger auf und in die Wunden legt, die ihr seht. Ich hoffe, ihr bleibt dem Theater treu, auch wenn es nicht einladend und aufnehmend und entgegenkommend ist. Baut und macht Eure eigenes Theater. Lasst Euch nicht aufdrängen, was andere für wahr und richtig halten. Zweifelt Wahrheiten an und hört nicht auf, zu fragen. Ich wünsche Euch, dass ihr weiter Filme macht, die uns Welten zeigen, die wir nicht kannten bisher. Dass ihr unsere Einbildungskraft überanstrengt und uns mit Bildern konfrontiert, die uns ermutigen, die Routinen zu befragen, die uns und unser Tun prägen.

2014 Spielen: Gerätelosigkeit_Erzählen über/ von

2015 Das Drinnen und das Draussen Inside Out

2016 Aufmerksamkeit und Ehrfurcht

2017 Zwischenzeit

2018 Ich und Wir Kulturelle Identität und Personen, die Geschichte machen.